…ich kann sagen, dass ich die Regionalliga lieb gewonnen habe – Interview mit Markus Horn (Blog Rot & Weiß)

Auf Markus bin ich eigentlich erst durch ihn selbst aufmerksam geworden, als er eines Tages einen Beitrag von mir likte. Seitdem verfolge ich seinen Blog Rot&Weiß der sich mit den Offenbacker Kickers und Benfica Lissabon beschäftigt. Vorallem letzteres bietet sehr interessante Einblicke. Doch Markus betreibt noch ein weiteres Blog…Links findet ihr unter dem Text. Wir sprachen aber wie soll es anders sein hauptsächlich ums runde Leder.

Hallo Markus, ich lese jetzt schon ziemlich lange deine Texte, verrat mir doch mal wer hinter den Texten steckt?

Ein Fußballfan aus Offenbach, auch wenn das leider nur die halbe Wahrheit ist. Ich muss mit dem Makel leben, in Frankfurt geboren zu sein. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur vorbringen, dass ich diesen Fehler bereits als Einjähriger korrigiert habe, indem ich auf die richtige Seite des Mains nach Offenbach gezogen bin. Seit 1973 gehe ich sehr regelmäßig auf den Bieberer Berg und komme damit langsam in die Nähe, mich als Stammzuschauer bezeichnen zu dürfen. markus horn

Du kannst der südländischen Lebensweise viel abgewinnen. Neben Offenbach (darauf kommen wir später noch) ist Lissabon deine zweite Heimat. Wie erklärst du jemanden Lissabon, der die Stadt nicht kennt und noch nie dort war?

Schwierige Frage. Lissabon ist eine magische Stadt, auch wenn ich hier nicht ganz objektiv bin, weil meine Frau aus Lissabon stammt. Die Stadt war einst die Kapitale einer Weltmacht und hatte das große Glück, nie von einem Krieg zerstört zu werden. Sie steckt voller Geschichte und Geschichten, in ihr haben sich die Kulturen von Christen und Mauren vereint. Das Nachtleben in den engen Altstadtgassen ist legendär, dazu kommt das Wetter und die Lage an der Atlantikküste mit traumhaften Stränden ganz in der Nähe. Neben meinem Fußballblog schreibe ich einen Blog, in dem ich Tipps für einen Aufenthalt in Lissabon gebe. Ich bin dabei selbst immer wieder erstaunt, wie lebendig diese Stadt ist, was wohl auch der Wirtschaftskrise zu verdanken ist, unter der Portugal seit Jahren leidet. Krisenzeiten sind ja ironischerweise meist sehr kreative Zeiten. Kurz gesagt: Lissabon bietet alles, was ich zum Glücklichsein brauche: Wunderbare Menschen, Kultur in jeder Spielart, gutes Essen und Wein, Sonne und Strand und natürlich Fußball.
 
Stichwort Fussball, neben den Offenbacher Kickers schreibst du auch über Benfica Lissabon? Wie nimmst du den portugiesischen Fußball wahr? Welche Rolle spielt Benfica?
 

Benfica ist in Portugal das Maß aller Dinge. Porto war in den letzten zwei Jahrzehnten erfolgreicher, aber das hat nichts am Mythos Benfica geändert. Laut einer Studie der UEFA hat der Verein die höchste nationale Fanquote in ganz Europa, mit 235.000 Mitgliedern zählt er weltweit zu den größten Fußballklubs. Geschichtlich betrachtet, steht Benfica für mich auf einer Ebene mit Real Madrid oder Manchester United. Die Kehrseite der Medallie ist, dass Portugal zu den Schwellenländern des Fußballs gehört. Wirklich gute Spieler verlassen, ähnlich wie in Holland, ihr Heimatland sehr schnell in Richtung Spanien oder England. Die nationale Liga ist mit 18 Vereinen überdimensioniert, die Meisterschaft lebt am Ende des Tages von den sechs Begegnungen zwischen Benfica, Porto und Sporting. In einem wirtschaftlich gebeuteltem Land mit nur 10 Millionen Einwohnern ist es zudem für Benfica schlichtweg unmöglich, auch nur annähernd die Umsätze zu erzielen, wie dies Konkurrenten aus Ländern wie Deutschland, England oder auch Spanien möglich ist. Ich habe durch meinen Blog inzwischen viele Kontakte zu Benfica und kann ganz gut beurteilen, welche Anstrengungen der Verein unternimmt, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist aber in vielerlei Hinsicht oftmals der sprichwörtliche Kampf gegen die Windmühlenräder.

Du hattest vor dem Euroleague Finale vom „Guttmann Fluch“ geschrieben, wie sehr glaubt man eigentlich in Lissabon schon daran? Eusebio soll ja schon einmal das Grab von Bela Guttmann aufgesucht haben.

Es bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als an den Fluch zu glauben. Für alle, die mit der Historie Benficas nicht so vertaut sind: Béla Guttmann war Trainer jener legendären Benfica-Mannschaft, die Anfang der 1960er Jahre zweimal hintereinander den Europapokal der Landesmeister gewann. Nachdem ihm Benfica eine Gehaltserhöhung verweigerte, nahm der Ungar seinen Hut und verfluchte den Klub zum Abschied mit den Worten „Nicht in hundert Jahren wird Benfica wieder einen Europapokal gewinnen“. 2015 müssen wir feststellen, dass er bislang leider Recht behalten hat. Zwar stand Benfica seither noch achtmal in Endspielen europäischer Wettbewerbe, gewinnen konnte man aber kein einziges mehr. Zuletzt stand der Verein in den letzten beiden Spielzeiten jeweils im Finale der Europa League. 2013 wurde gegen Chelsea durch ein Tor in der Nachspielzeit verloren, im vergangenen Jahr scheiterte man im Elfmeterschießen am FC Sevilla. Anfang letzten Jahres hat Benfica Guttmann sogar im Eingangsbereich der „Porta 18″ im Estádio da Luz eine zwei Meter hohe Bronzestatue errichtet, bei der er die beiden Europapokale in den Händen hält. Allein, geholfen hat das alles nichts.

Sporting ist ein anderer großer Verein aus Lissabon. Gibts da eigentlich auch so eine Aufteilung der Anhänger in Stadtteile oder in Klassen? Benfica sagt man ja nach das die Anhänger einst aus der gehobeneren Schicht kamen?

 Nach Stadtteilen gibt es keine wirkliche Aufteilung, sehr wohl aber nach Klassen, vor allem geschichtlich betrachtet. Benfica war stets der Verein der kleinen Leute, der großen Wert auf demokratische Strukturen und das Mitspracherecht seiner Mitglieder legte, was sicher mit zu seiner ungeheuren Popularität beigetragen hat. In der Satzung ist verankert, dass der Verein stets Mehrheitseigner der Fußball-AG bleiben muß. Sporting repräsentiert viel stärker den Adel und das Großbürgertum. Bis heute finden sich in den „gehobenen Kreisen“ der portugiesischen Gesellschaft, sei es nun in der Wirtschaft oder der Politik, sehr viele Anhänger von Sporting. Unterstrichen wird dieser elitäre Anspruch dadurch, dass der Klub ja nicht etwa Sporting Lissabon sondern „Sporting Clube de Portugal“ heisst. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass letztendlich Benfica der mit weitem Abstand bedeutenste und größte Verein des Landes geworden ist.
 
Noch näher dran bist du bei den Offenbacher Kickers. Was war das ausschlaggebende Erlebnis, wie lange gehst du schon auf den „Bieberer Berg“?
 
Ich gehe seit mehr als 40 Jahren auf den Berg, aber ein wirklich ausschlaggebendes Erlebnis gab es dafür nicht. Anfang der 1970er Jahre war der Fußball medial viel weniger präsent, selbst Europapokalendspiele wurden nur dann im Fernsehen übertragen, wenn eine deutsche Mannschaft beteiligt war. Als Kind in Offenbach war es einfach normal, irgendwann zum OFC zu gehen, selbst wenn man wie ich aus einer völlig am Fußball desinteressierten Familie stammte. Man darf auch nicht vergessen, dass die Kickers seinerzeit in der Bundesliga spielten und 1974/75 fast Herbstmeister geworden wären. Am Ende war es dann ein Nachbar, der sich meiner erbamt und mich zum ersten Mal mit auf Biebers Höhen mitgenommen hat. Das war am 10. November 1973, der OFC verlor 2:3 gegen Borussia Mönchengladbach. Aber die sehen wir im nächsten Monat ja wieder.
 
Aktuell spielt man in der Regionalliga aussichtsreich um den Aufstieg in die 3.Liga mit. Ganz ehrlich hast du Rico Schmitt diesen Erfolg zugetraut?
 
Ganz eindeutig ja. Allerdings habe ich nicht erwartet, dass dies so schnell und so eindrucksvoll gelingt. Der Mann hat nach dem Zwangsabstieg in die Regionalliga ein Himmelfahrtskommando übernommen, innerhalb weniger Wochen musste eine wettbewerbsfähige Mannschaft „gecastet“ werden. Der 8. Tabellenplatz in der vergangenen Saison war ein riesiger Erfolg. Die aktuelle Erfolgsserie der Kickers zeigt, dass es sich durchaus lohnen kann, wenn man einen fähigen Trainer einfach mal arbeiten und seine Mannschaft beisammen lässt. Ganz wichtig ist mir auch, in diesem Zusammenhang unseren Geschäftsführer David Fischer zu erwähnen, der in schlechten Zeiten den Trainer gegen alle Widerstände im Vereinspräsidium verteidigt hat. Ohne David gäbe es heute wohl keinen Erfolgstrainer Rico Schmitt in Offenbach.blog rot u. weiss
 
Was macht der OFC richtig, warum läuft es aktuell so gut?
 
Wie schon gesagt, spielt die Konstanz in sportlicher Hinsicht eine wichtige Rolle. Im zweiten Jahr nach der Insolvenz sind praktisch alle Spieler in Offenbach angekommen, sie sind „unsere Jungs“, denen man es auch nicht verübelt, wenn es mal nicht so läuft. Dazu hat mit Insolvenzverwalter Dr. Andreas Kleinschmidt und David Fischer als Geschäftsführer eine nicht nur wirtschaftliche Bodenständigkeit Einzug gehalten, die Kickers Offenbach sehr gut tut. Ich hoffe sehr, dass sich dies nach Abschluß des Insolvenzverfahrens im März nicht ändert.
 
Die Regionalliga ist für Borussenfans der große Traum, es käme zu vielen traditionsreichen Begegnungen. Wie empfindest du die aktuelle Regionalliga, macht für dich eine weitere Reform Sinn und wie könnte die in deinen Augen aussehen?
 
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, mit welchem Grauen ich mir nach dem Zwangsabstieg den Spielplan für unsere erste Saison in der Regionalliga angesehen habe. Das hat sich inzwischen völlig geändert, ich kann sagen, dass ich die Regionalliga lieb gewonnen habe. Der Fußball ist nur selten wirklich schlechter, als das, was wir in den Zeiten der 3. Liga geboten bekamen. Dazu kann ich es mir als Fan erlauben, meinen OFC zu fast allen Auswärtsspielen zu begleiten, weil die Entfernungen einfach viel kürzer sind. Leider ist es aber so, dass ein Aufstieg spätestens in der kommenden Sasion für Kickers Offenbach wohl lebensnotwendig ist, will man die aktuellen Strukturen am Bieberer Berg aufrecht erhalten. Eine Reform der Regionalliga ist unumgänglich, denn es kann einfach nicht sein, dass ein Meister am Ende der Saison nicht aufsteigt und eine erfolgreiche Spielzeit in nur zwei Relegationsspielen in der Mülltonne verschwindet. Ob dies mit nur drei oder vier Staffeln bewerkstelligt wird, ist für mich dabei zweitrangig.
 
Was war der Grund mit dem bloggen anzufangen, was ist die Motivation die dich dazu antreibt?
 
Ich schreibe gerne und gehe ebenso gerne ins Stadion. Da lag es irgendwann nahe, mich an einem Fußballblog versuchen. Was die Motivation anbelangt, ist das Bloggen für mich eine gute Übung. Gerade die Chroniken von den Spielen sind leicht verderbliche Ware, es macht nur wenig Sinn, erst fünf Tage nach einer Begegnung davon zu berichten, weil es dann kaum noch jemanden interessiert. Also setze ich mich meistens direkt nach dem Stadionbesuch hin und schreibe auf, was ich erlebt habe oder was mich gerade beschäftigt. Es motiviert aber natürlich auch sehr, wenn ich von Lesern positive Reaktionen auf meine Beiträge bekomme. Darüber hinaus macht mir der Kontakt zu Bloggerkollegen sehr viel Freude.
 
Du hast ja auch die Rubrik „Gästeblog“ in der du andere Blogger zu Wort kommen lässt. Welche Blogs liest du regelmässig oder würdest du durchaus weiterempfehlen?
 
Es ist schon erstaunlich, wie lebendig unsere Szene ist. Es bleibt leider nie genügend Zeit, um alle lesenswerten Blogs wirklich zu verfolgen. Natürlich gehören die Blogs, die ich bislang in meinem Gästeblog vorgestellt habe zu meiner Stammlektüre. Neben deinem Stahlwerk sind das Catenaccio 07 aus Essen, die Ellenfeldstraße aus Neunkirchen, Rote Erde aus Dortmund, Schwarz und Blau aus Paderborn und der Zebrastreifenblog aus Duisburg. Im Land des Fußballs ist in letzter Zeit leider nicht mehr sehr aktiv. Ich habe aber die Hoffnung, dass sich Martin Cury, den ich auch als Buchautor sehr schätze, irgendwann wieder aufrafft und neue Geschichten aus Brasilien erzählt. Daneben schätze ich sehr Im Schatten der Tribüne aus Essen, Das FCSBlog 2.0 aus Saarbrücken und meinen Freund Christian Borchert vom Blog Zwo aus Offenbach.
 
diverse Links zum Thema:
 
 
 
 

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