Tribünengespräch – mit Ralf Pirmann leidenschaftlicher Historiker des frühen Fußballs

Ich freue mich sehr das Ralf bereit war/ist für diesen Blog ein paar Fragen zu beantworten. In diesem ersten Teil sprechen wir eher über die Anfänge und die Begeisterung der frühen Fußballjahre. Ralf ist in der Hinsicht ein absoluter Nerd, der regelmässig in den Archiven des Landes zu Hause ist. Seine Privatsammlung selbst ist eigentlich schon ein echtes Archiv. Sein Spezialgebiet ist der FC Homburg. Über diesen und seine Fanszene wird es dann in einem zweiten Teil gehen.

Hallo Ralf, wir schreiben zwar schon lange immer wieder miteinander rum, aber wirklich kennen gelernt haben wir uns ja noch nicht, deshalb eine kleine persönliche Vorstellung deinerseits bitte?

Hallo Nicky, seit meiner Geburt 1964 lebe ich in meiner Heimatstadt Homburg und arbeite in der Werkstattannahme eines mittelständischen Baustoff-Transport-Unternehmen. Aber dich interessiert wohl eher meine außerberufliche Aktivität. 😉 Mein Hauptinteresse gilt dem FC 08 Homburg mit all seinen Facetten. Seit den 1970ern pilgere ich ins Waldstadion und hole mir meinen wöchentlichen Kick der Droge Fußball. Mittlerweile bin ich aber über das „normale Fansein“ eines Vereins wohl weit hinaus. Zeitreisender in Sachen FC Homburg trifft es ganz gut.hom waldst.

Wenn ich an das Homburger Waldstadion denke muß ich gestehen das ich nicht viel über die Geschichte des Stadions weiß?

Sehr bedenklich. 😉 Aber dir kann geholfen worden. Das heutige Waldstadion entstand während der Naziherrschaft und war Teil eines Prestigeobjekts des damaligen Kreisleiters Jakob Knissel.

Im Dezember 1936 begannen die Arbeiten an der geplanten Sportanlage, die neben dem Stadion auch eine Turnhalle, Hallen- und Freibad, Tennisplätze etc. beinhalten sollte.
 
Diesem Bauprojekt fielen die Sportanlagen des SC Union (Bau 1920er) und des Freien Turn- und Sportverein (Einweihung 1932) zum Opfer. Das Grundstück des FTSV lag auf dem Gelände des heutigen Tennis-Clubs. Erhalten geblieben ist einzig das Einfahrtstor. Dahinter der Sportplatz der Union, der teilweise im Bereich der heutigen Tribüne lag. Am 14./15. August 1937 erfolgte die Einweihung der Hauptkampfbahn des Sportfelds der Stadt Homburg. Allerdings war bis dahin nur ein Teil der Stehränge fertiggestellt. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und dem Tod von Knissel 1940 kam der Bau mehr oder weniger zum Erliegen.
 
Nach Kriegsende fungierte die Kampfbahn 1945 als Panzerstellplatz. Die Mitglieder unseres Vereins machten den Platz wieder bespielbar und trugen im Februar 1946 das erste Spiel im Waldstadion aus.
Nach und nach wurde das Stadion selbst auf Vordermann gebracht und 1952 erfolgte der Bau der Tribüne im Stadion. Mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga Süd 1974 hielten die Zäune zum Spielfeld hin Einzug im Waldstadion. Im Sommer 1986 erfolgte innerhalb von knapp drei Monaten der Umbau des Waldstadions. Die alten Stehränge wurden durch Betonelemente ersetzt und die Tribüne erweitert.

Am 23. Februar 1990 wurde mit dem Bundesligaspiel gegen den FC St. Pauli das Flutlicht eingeweiht.

 
Der FCH spielt ja nicht schon immer dort, warum wurde der ursprüngliche Platz aufgegeben?
Unser alter Sportplatz befindet sich abgelegen im Wald auf dem Schlossberg. Die Infrastruktur selbst war minimalistisch. Nach dem Bau der Holztribüne 1924 mit Umkleide- und Schankraum war es geringfügig besser geworden. Wasser musste aus einer nahegelegenen Quelle herangeschafft werden. An einen Rasenplatz war trotz mehrmaliger Versuche dort oben nicht zu denken. Erst 1937 wurde mit der Schlossberghöhenstraße überhaupt eine richtige Straße angelegt, die auf den Berg führte.
 
Der Sportplatz selbst wurde vom damaligen FVH bzw. VfL Homburg von 1909 bis 1944 genutzt. Nur zu ausgesuchten Spielen wurde überhaupt in der Kampfbahn gespielt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Sportplatz erst 1949 von den französischen Behörden freigegeben. Zwischenzeitlich war die Holztribüne abgebrochen wurden. Die Betonplatten der Umzäunung wurden von den Vereinsmitgliedern mühsam den Berg heruntergeschafft, um das Stadion zu befestigen. Der Sportplatz selbst wurde danach vom SC Union, dem SFB sowie der DJK Homburg genutzt. 1968 verkaufte der FCH das Gelände an die Stadt Homburg.
 
Gauliga Südwest 1939Unser „rumschreiben“ dreht sich meist um historisches, dabei ist völlig egal ob es Statistiken sind, Stadionhefte oder Vereine. Dein Wissen und dein Fundus sind schier unerschöpflich. Wann hat dich diese Sammelleidenschaft gepackt und wann kam das Interesse am historischen dazu?
Naja, übertreib mal nicht. 2-3 Bücher, ein paar Ordner, eine gut gefüllte Festplatte sowie eigene Erlebnisse kommen eher hin. :)
Angefangen hat es Ende der 1970er Jahre mit dem sammeln der Stadionzeitung. Danach reichten die Heimprogramme nicht mehr aus. Die Auswärtshefte kamen hinzu. Tja, dann nahm der Wahnsinn seinen Lauf. Der Horizont wollte erweitert werden und die kleine Sammlung bekam in Form von Kicker etc. deutlichen Zuwachs.
 
Durch gelegentliche Anekdoten und Bilder in der Stadionzeitung wurde der Wunsch nach Kenntnissen über die Vergangenheit geweckt. Nach Sichtung der Chronik zum siebzigjährigen Bestehen und den vorhandenen Programmen machte sich Ernüchterung breit. Der Informationsgehalt der vielen Texte schrumpfte auf ein Minimum zusammen. Zudem kursieren in den Presserückblicken über die diversen Vereinsjubiläen Fehler über Fehler. Die angegebenen Ereignisse aus den Erinnerungen ehemaliger Vereinsmitglieder wurden ungeprüft übernommen. Dazu kommen noch Fehler, die die Verfasser im Kontext machen. Und so ziehen sich diese vermeintlichen Tatsachen durch die ganzen Jahre. Zudem konnte ich die Richtigkeit der Angaben mangels Quellen bzw. Zugang zu den Quellen viele Jahre nicht überprüfen. Das Interesse schlummerte ein, lauerte aber immer im Hintergrund. In all den Jahren sollte es zu einer „unersättlichen Bestie“ heranwachsen, die 2009 wieder zum Leben erwachte.
 
Nach reiflicher Überlegung wurde während des Lehrgangs zum Vereinsmanager C die Idee geboren eine ausführliche Vereinschronik herauszugeben, und dabei alles zu erfassen, was relevant für die Vereinsgeschichte ist. Diese Chronik wird sicherlich nicht alles erfassen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Vieles bleibt verborgen, weil es entweder keine Quellen mehr gibt oder nicht zugänglich sind. Leider wurden die Quellen über den FC 08 Homburg von Vereinsseite viele Jahre vernachlässigt, sei es, dass sie nur unsystematisch und verstreut oder gar nicht gesammelt wurden und damit schwer oder überhaupt nicht zugänglich waren oder dass sie durch falsche Lagerung Schaden nahmen oder gar achtlos vernichtet wurden. Um das sportgeschichtliche Vermächtnis des FC 08 Homburg zu sichern, begann ich unbedarft mit den Nachforschungen ohne etwas von den Dimensionen zu ahnen, die dieses Vorhaben angenommen hat.
 
Dank der tatkräftigen Unterstützung des Homburger Stadtarchivs konnte zumindest etwas Licht ins Dunkel gebracht werden. Ich begann, die vorhandenen Zeitungsbestände und weitere Unterlagen des Stadtarchivs seit 1899 zu durchkämmen. Hinzu kam die Mithilfe von einigen ebenso Infizierten wie Markus Röder und Eric Lindon aus Kaiserslautern oder Jörg Rodenbüsch sowie „Hobbyphysiker“ Tobias Fuchs vom Ellenfeld e.V.. Mittlerweile besteht ein roter Faden von den Anfängen des Fußballs um die Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
Seit dem Eintritt in den Verband süddeutscher Fußball-Vereine 1910 und der damit verbundenen Teilnahme am Spielbetrieb kann ich mittlerweile alle Spielklassenzugehörigkeiten des FCH von 1911 bis heute belegen.
 
Du hast mal irgendwann geschrieben das dich der ganze frühe Fußball begeistert! Was ist der Reiz an dieser Zeit?
Gegenfrage: Was sollte mich an der heutigen Zeit noch reizen? Aber zurück zu deiner Frage.
Ganz allgemein stand am Anfang der Reiz an der Vereinsgeschichte. Mit dem eintauchen in die alten Zeitungsbände und der mühseligen Suche nach Kurzmeldungen über den FCH oder eine simple Spielankündigung eröffnete sich eine andere Welt. Aufmerksames Lesen der deutschen Druckschrift war vonnöten, um die Zeitungsmeldungen richtig zu verstehen. Dies ist zwar auch heute noch nötig, allerdings musste ich mich erst mit dem damaligen Sprachgebrauch zurechtfinden. Ganz schnell reifte die Einsicht, dass ich den Verein nicht als isoliertes Gebilde sehen darf, sondern das Zeitgeschehen miteinbeziehen musste. Ganz nebenbei eignete ich einiges an Wissen über meine Heimatstadt an, dass ich sonst nicht erworben hätte.
 
Dadurch bekommt man eine andere Perspektive zum Geschehen und kann nachvollziehen, wie und warum sich z.B. der Fußball in Deutschland im Hinblick auf das Profitum anders entwickelte als in anderen europäischen Ländern. Darüber gibt es mittlerweile genügend Literatur, aber das Arbeiten mit Primärquellen in Verbindung mit dem heutigen Kenntnisstand macht es erst greifbar und erlebbar. Es ist unheimlich spannend zu erleben, wie sich der Fußballsport gegen alle Widerstände durchsetzte. Anhand der Berichterstattung in der Lokalzeitung zeigt sich die Entwicklung des Sports. Anfangs konnte ich froh sein, wenn alle paar Wochen ein Drei- oder Vierzeiler zu finden war.  Mit der Zeit wurden die Spielberichte länger. Nach dem Ersten Weltkrieg sind ganze Seiten voll mit Berichten zum aktuellen Spielbetrieb der obersten Klassen. Unter der Woche wurden die restlichen tieferklassigen Homburger Vereine abgehandelt.
Aber nicht nur die Beschäftigung mit der Geschichte macht Spaß, sondern auch deren Vermittlung, ob in unserer Stadionzeitung mit meiner Rubrik „Sellemols“ oder auch Führungen über unser fast verschwundenes Sportgelände auf dem Schlossberg.
 
borussia neunkirchenWie ist der Fußball an der Ostsaar entstanden, gab es da eigentlich Unterschiede zwischen den preußischen und bayrischen Teilen des Saarlandes?
An der heutigen Ostsaar verliefen die Geburtswehen nicht anders als im Rest von Deutschland. Schüler der Mittelschulen und Gymnasien ebneten den Weg für den neuen Sport, dem sich bald darauf die Mittelschicht anschloss. Während im preußischen Teil der Fußball von der Obrigkeit unterstützt wurde, gab es 1912 in Bayern ein Verbot für Schüler, das bis in die späten 1920er Jahre Bestand hatte. Selbst nach der Abtrennung der saarpfälzischen Gebiete 1920 von der bayrischen Pfalz und der Zugehörigkeit zum Saargebiet wurde zumindest in Homburg das Verbot von den Schulen weiter durchgesetzt. Wer sich intensiver mit der Entwicklung des Fußballs im Saargau und Lothringen beschäftigen möchte, kann dies mit dem hervorragenden Buch von Bernd Reichelt „Fußball im deutsch-französischen Grenzraum Saarland/Moselle 1900-1952″ tun.